Der unsichtbare Wächter
Das Kribbeln in der Nase, ein leichtes Kratzen im Hals oder jener eine Lymphknoten unter dem Kiefer, der bei der kleinsten Erkältung anschwillt – wir alle kennen diese Signale. Meistens ist das der Moment, in dem wir denken: „Jetzt fängt mein Immunsystem an zu arbeiten.“ Doch die immunologische Realität sieht anders aus. Unser Immunsystem ist kein Notfallteam, das erst ausrückt, wenn es brennt. Es ist ein hochkomplexes, dynamisches Orchester, das jeden Tag eine meisterhafte Performance abliefert, ohne dass wir auch nur einen Ton davon hören. In Wahrheit arbeitet die Körperabwehr dann am besten, wenn wir gar nichts davon mitbekommen. Sie ist keine starre Mauer, sondern ein System in ständiger Bewegung, das uns schützt, während wir schlafen, essen oder diesen Text lesen.
Immunsystem in Höchstform
Wir neigen dazu, die Aktivität unserer Abwehr an Symptomen wie Fieber oder Erschöpfung zu messen. Doch das ist bereits die „Alarmstufe Rot“. Die eigentliche Meisterleistung findet im Stillen statt. In der Immunologie sprechen wir von der „geräuschlosen Verarbeitung“ oder der Immunosurveillance. Sekundlich überwacht das System alles, was wir einatmen oder über die Haut aufnehmen. Bleiben wir gesund, bedeutet das nicht, dass das Immunsystem ruht. Im Gegenteil: Es bedeutet, dass die Überwachung perfekt funktioniert und Pathogene eliminiert werden, bevor sie eine Chance zur Ausbreitung haben.
„Das ist das Coole am Immunsystem: Wenn wir gar nichts merken, heißt es nicht, dass nichts passiert, sondern es ist ständig am Überwachen. Auch so kleine Infekte oder was wir einatmen oder auf der Haut haben – das wird völlig geräuschlos verarbeitet und eliminiert. Es arbeitet immer, wir merken es gar nicht. Dann ist es sozusagen in Topform.“ (Prof. Christine Falk)
Häufig glauben wir fälschlicherweise, das Immunsystem müsse durch spürbare Reaktionen „beweisen“, dass es aktiv ist. Doch eine lautlose Abwehr ist das Zeichen eines hocheffizienten Systems.
Ende der Lehrzeit mit 20
Um die Architektur unserer Abwehr zu verstehen, müssen wir zwei Teams unterscheiden: das angeborene und das erworbene System. Zum angeborenen Team gehören die Natürlichen Killerzellen (NK-Zellen). Sie sind die schnelle Eingreiftruppe, die innerhalb von Minuten erkennt, wenn etwas nicht in den Körper gehört. Das erworbene System hingegen stellt die Spezialisten: die T-Zellen (Killer- und Helferzellen) und die B-Zellen, welche die Antikörper produzieren.Das Faszinierende daran: Die T-Zellen durchlaufen eine brutale „Schule“ im Thymus , einem Gewebe unter dem Brustbein. Hier lernen sie, zwischen „eigen“ und „fremd“ zu unterscheiden. Die Erfolgsquote ist gering: Etwa 95 Prozent der T-Zellen fallen durch die Prüfung und gehen zugrunde, weil sie entweder nichts erkennen oder – noch gefährlicher – den eigenen Körper angreifen würden. Nur die besten 5 Prozent werden als Absolventen in den Körper entlassen. Der Haken? Diese Schule schließt früh. Bereits ab dem 20. Lebensjahr degeneriert der Thymus massiv. Evolutionär war das kein Problem – unser System war auf eine Lebenserwartung von etwa 35 Jahren ausgelegt. Heute, da wir 80 Jahre und älter werden, stehen wir vor einer Herausforderung: Wir leben im Alter primär von unseren „Gedächtniszellen“ – den Absolventen, die wir in jungen Jahren ausgebildet haben. Neue Spezialisten werden kaum noch nachproduziert.
Krebs und Organtransplantation: Zwei Seiten derselben Medaille
Auf den ersten Blick haben Krebsforschung und Transplantationsmedizin wenig gemeinsam. Doch für Immunologen, wie Prof. Christine Falk, sind sie eng miteinander verknüpft. Der Schlüssel liegt in der immunologischen Toleranz. Tumorzellen sind Meister der Täuschung. Sie nutzen molekulare Tricks – sogenannte Checkpoints –, um für das Immunsystem unsichtbar zu werden. Sie erzwingen eine Toleranz, die das Immunsystem eigentlich nicht gewähren dürfte. Bei einer Organtransplantation ist es genau umgekehrt: Hier erkennt das Immunsystem das neue Organ als fremd und will es abstoßen. Die moderne Forschung versucht nun, diese Mechanismen über Kreuz zu nutzen.
“ Wir wollen vom Krebs lernen, wie man Toleranz erzeugt, um transplantierte Organe vor Abstoßung zu schützen. Und wir wollen von der Abstoßungsreaktion lernen, wie man die Abwehr so scharf schaltet, dass sie die Tarnkappen der Tumorzellen durchbricht.” (Prof. Christine Falk)
Ein fitter Körper hält sein Immunsystem fit
Der Begriff „Immunsystem stärken“ ist wissenschaftlich betrachtet irreführend. Es gibt keine einzelne Pille, die gezielt nur die Killerzellen „boostet“. Wahre Immunkompetenz ist das Ergebnis eines feinen Zusammenspiels. Ein entscheidender Musiker in diesem Orchester ist das Mikrobiom. Über fermentierte Lebensmittel, wie z.B. Joghurt oder Sauerkraut, können wir Botenstoffe im Darm fördern, die direkt mit dem Immunsystem kommunizieren. Es ist eine Interaktion zwischen Ernährung, Verdauung und Abwehr. Oft werden jedoch Mythen verbreitet – etwa die Behauptung des Forschers Matthew Walker, eine Nacht mit nur vier Stunden Schlaf reduziere die NK-Zellen um 70 Prozent. Prof. Falk widerspricht dieser dramatischen Zahl: In ihren Studien zeigen sich die absoluten Zellzahlen im Blut erstaunlich stabil. Was sich ändert, ist die Verteilung : Bei Stress oder Schlafmangel werden die Zellen oft im Gewebe „gefangen“ und zirkulieren nicht mehr frei im Blut. Sie sind also nicht weg, sie sind nur an der falschen Stelle. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Ein fitter Körper hält sein Immunsystem fit. Teure Vitaminpräparate dienen oft eher der psychologischen Entlastung.
Ausblick
Wir bewegen uns weg vom „Holzhammer“ der breiten Immununterdrückung hin zum „Florett“ der Präzisionsmedizin. Ein spektakuläres Beispiel für diese Zukunft ist die CAR-T-Zell-Therapie . Dabei werden körpereigene T-Zellen im Labor genetisch modifiziert – man setzt ihnen quasi eine „Brille“ auf, mit der sie Strukturen erkennen können, die sie vorher übersehen haben. Diese „Killerzellen mit Brille“ werden bereits erfolgreich gegen Blutkrebs und schwere Autoimmunerkrankungen, wie Lupus, eingesetzt. Und der nächste Durchbruch bahnt sich an: Aktuelle Forschungen zeigen, dass modifizierte T-Zellen im Experiment sogar in der Lage sind, Amyloid-Plaques im Gehirn aufzulösen – ein Hoffnungsschimmer für die Alzheimer-Therapie.
Quelle: Der ERCM Medizin Podcast, Folge: Kann man das Immunsystem stärken? Die Wahrheit über Vitamine, Schlaf & Sport | Prof. Christine Falk,
Link: https://www.youtube.com/watch?v=XiDSEqDJ4LE&t=55s


